NEU in 2016: Seit 2004 sind die untenstehenden positiven Wörterbuch Rezensionen 1 bis 3 auf dieser Webseite zu lesen. Da es das Wörterbuch seit zwanzig Jahren gibt (1. Auflage 1996 im Enke Verlag), scheint es nun an der Zeit, auch eine damalige negative "Buchbesprechung" durch Ophthalmologen sowie meine dazugehörige Erwiderung aufzuzeigen.

Diese "Buchbesprechung" erschien in der vom Kaden Verlag herausgegebenen "Zeitschrift für praktische Augenheilkunde", und als Verfasser zeichneten Prof. Dr. med. W. Rüßmann, Direktor der Abteilung für Schielbehandlung und Neuroophthalmologie, Universitäts-Augenklinik Köln, und Dr. med. M. Eisfeld, Augenarzt i. R..

In diesem Text in Z. prakt. Augenheilkd. 18: 225-230 (1997) wurden von mir damals einzelne Stellen gelb markiert und zu den verschiedenen Passagen die Nummern 1 bis 40 hinzugefügt, auf die ich mich in meiner Erwiderung bezogen hatte. Diese Erwiderung schickte ich in einem Brief an Prof. Rüßmann und andere, ohne eine Veröffentlichung zu erwägen.

Dies sind sicherlich inzwischen Zeitdokumente, und diejenigen, die mich hin und wieder nach dieser Historie gefragt hatten, können meinen Brief an Prof. Rüßmann vom 30. Juli 1997 nun hier mit den Anlagen lesen. Da im ersten Satz dieses Schreibens Prof. Kaufmann erwähnt wird, an den ich mit gleichem Datum einen Brief schrieb, ist auch dieser Brief hier zu lesen. Aufgrund eines weiteren Schreibens an Dr. med. Reinhard Kaden wurden dann meine Korrekturen zur Vita in der ZPA als Leserbrief gedruckt.

Anmerkung: Allen Lesern meines Wörterbuches danke ich sehr, denn bisher wurden davon 4.000 Exemplare gekauft, und diese Tatsache zeigt, dass das Ziel des Wörterbuches offenbar erreicht ist, nämlich (Zitat aus dem Vorwort zur ersten Auflage): Es wurde in dem Bestreben zusammengestellt, einen klaren und einheitlichen Sprachgebrauch in der deutschen Optometrie zu fördern.


Wörterbuch Rezension 1 (Erste Auflage): der Augenspiegel 11/97, S. 54 - 55

Ein notwendiges Fachwörterbuch

Wörterbuch der Optometrie, von Helmut Goersch, 268 S., Enke-Verlag, Stuttgart,
1996, DM 58,-, ISBN 3 432 27301 0

Es war wirklich an der Zeit, daß in einer ersten Auflage die Bedeutung von 3.600 Begriffen aus den Bereichen der Optometrie, der Optik und der angrenzenden Gebiete zusammengestellt und somit eine klaffende Lücke im Markt deutschsprachiger Fachbücher geschlossen wurde.
Zu dieser, im Gegensatz zur Anstrengung von Sisyphos sinnvollen, aber ebenfalls höchst mühsamen Arbeit fand sich dankenswerterweise der emeritierte Leiter der SFOF (Staatliche Fachschule für Optik und Fototechnik, Berlin), Helmut Goersch, bereit. Aus seiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer und Leiter einer der Ausbildungsinstitutionen für Augenoptiker war er hierzu sicher besonders prädestiniert. Schließlich war er in zahlreichen DIN-Ausschüssen tätig, u. a. in dem für „Sehschärfenbestimmung nach DIN 58 220“, an dem auch ich 25 Jahre lang mit Frau Elfriede Aulhorn und den Herren Wolfgang Grimm, Günther Guilino, Thilo v. Haugwitz und Bernd Kratzer beteiligt war. Herr Ganser vom DIN-Institut Pforzheim fungierte damals als Schriftführer.
In einem solchen Gremium war die Fähigkeit zu sauberer Definition Voraussetzung. Aus diesem Fundus an Fachwissen mußte Herr Goersch einfach ein erstklassiges Buch verfassen.

Tatsächlich findet man von der Abbeschen Dispersionsregel bis hin zum Zylinderwert praktisch alle gängigen Begriffe, von denen die meisten auch noch ins Englische übersetzt wurden. Dies ist sehr nützlich, weshalb
ich eine durchgängige Übersetzung wünschen würde, womit wir gleichzeitig ein deutsch-englisches Fachwörterbuch zur Hand hätten. An dessen Ende finden sich noch wesentliche Normen, mit denen die Teile der Brillenfassungen endlich richtig tituliert werden können.
Als Folge dessen könnte sich mancher Ophthalmologe präziser ausdrücken, wenn er nicht mehr von „Gestell“ oder „Rahmen“ spräche (weil die Gläser nicht hineingestellt oder eingerahmt werden), sondern von „Fassung“, weil die Gläser eben gefasst werden. Am Ende des Buches sind noch alle einschlägigen Normen verzeichnet, wenn's einer denn ganz genau wissen will.

Es kann kein Zweifel bestehen, daß bei einem so umfangreichen Verzeichnis nicht jedermann mit den angebotenen Definitionen einverstanden sein wird. Doch – warum hat kein Ophthalmologe mitgearbeitet? Oder eine Durchsicht vorgenommen? Goersch hätte gewiß keine Einwände gehabt. Sicherlich wäre in diesem Falle auch die z. T. berechtigte Kritik relativiert worden, der Autor „verwässere“ Begriffe im Sinne einer zukünftigen Optometrie in Deutschland. So aber wird man mindestens bis zur nächsten Auflage mit diesem Buch leben müssen. Kompetente Ophthalmologen sollten versuchen, beim Autor (Adresse gleich auf dem ersten Blatt innen) geeignete Vorschläge zu unterbreiten.

Wenn von der „Stutzkante“ die Rede ist, fragt sich der Leser sicher, ob dies ein Druckfehler sei. Nein! Ist es nicht, doch dem geht eine fast philosophische Diskussion voraus, warum mit „u“ und nicht mit „ü“ geschrieben. Eine Stützkante kann auch eine gestutzte Kante sein, die stützt. Allein hieran merkt man, welche Problematik in den einfachsten Dingen liegen kann. Es wird demnach die jeweils herausragendste Eigenschaft für das Wort gestutzt, pardon: genutzt.

Nehmen wir „Sicherheitsglas“: In der Augenoptik mag die Definition zutreffen, daß – wie bei Kunststoffgläsern, gehärtetem Glas oder Glas-Kunststoffkombinationen – keine Splitter gebildet werden. In der Automobil-Industrie hingegen versteht man hierunter ein Glas, das wie das Einscheiben-Sicherheitsglas zu Krümeln zerfällt oder das Verbund-Sicherheitsglas, das nach dem Bruch noch eine (mäßige) Sicht auf die Fahrbahn zuläßt. Es gibt aber auch eines, das nicht nur Splitter bildet, sondern diese, wie das „Sekuriflex“, auch noch durch eine Folie bindet. Dieses Beispiel weist den Fachbezug der Definition nach.

Und wenn wir schon beim Definieren sind, ist die Achromatopsie, das „Nicht-Farbensehen“, wirklich eine „Stäbchen-Monochromasie“? Der Betroffene sieht doch nur „schwarz-weiß“ und „Chromasie“ hat doch irgendetwas mit Farbe zu tun. Jedermann weiß, daß weißes Licht nicht einfarbig ist, sondern bei Dispersion durch ein Prisma in alle Farben zerlegt wird. So landet man schnell bei der Haarspalterei, und Sie merken wiederum, wie schwierig das Unterfangen des Autors eigentlich ist!
Zudem sind Augenoptiker, Optiker (das ist etwas anderes!), Augenärzte, Techniker etc. oft verschiedener Ansicht über den Sinngehalt der Begriffe. Ganz simpel: Wenn meine Frau meint, ich hätte Fehler (was bei mir zutrifft), so meint Herr Goersch mit „Fehler“ etwas ganz anderes (was bei mir nicht zutrifft). Bei der Definition von „Messer“ ist das ebenso. Man kann auch darüber streiten, ob eine „Stereo-Amaurose“ bei einem Sehenden überhaupt möglich ist. Logisch ist das nicht.

Gefreut hat mich der bebilderte Hinweis auf den Sheridan-Gardiner Test für Kinder und „Illiterates“. Diesen hatte ich, angeregt durch Robert Siebeck, in das damals von mir entwickelte Sehzeichen-Projektionssystem Leitz Pradivitoftal übernommen. Herr Goersch, der seit 1963 an der SFOF unterrichtete, hat offenbar noch heute die Klinischen Monatsblätter von 1969 im Kopf. Es ist sehr bedauerlich und obendrein unverständlich, daß dieser ausgezeichnete Sehtest angesichts des heute sehr hohen Ausländeranteils der Praxen nicht größere Verbreitung gefunden hat und kein Hersteller von Sehzeichen-Projektoren sich zu dessen Übernahme entschließen konnte. Bei dem von mir auf dem BVA-Kongreß in Wiesbaden 1980 vorgestellten Verfahren zur Messung des Augensystems mittels Videotechnik (Bericht im Augenspiegel Feb.1980) dürfte dies kein Problem mehr sein. Nicht entdeckt hingegen habe ich meinen 1968 ebenfalls in den Klin. Mbl. veröffentlichten Heterophorietest, der es gestattet, die prismatische Abweichung für Höhe und Seite direkt in Grad abzulesen. Im Gegensatz zu Schobers Test war hier das zentrale Kreuz rot, und alle anderen Marken waren grün, was eine komfortablere Prüfung ermöglichte. Doch das hatte Schober ursprünglich ja auch vor, vielleicht konnte er es aber angesichts seines Daltonismus nicht so recht nachvollziehen.

Zur Gestaltung noch einige Wünsche: zunächst sollte man zur besseren Anschaulichkeit mehr Abbildungen verwenden, evtl. sogar in Farbe. Bei der „Pelli-Robson Tafel“ beispielsweise würde ein Bild viele Worte ersetzen und wäre zudem verständlicher. Dann würde ich auf die auf allen Seiten präsente häßliche graue Titelzeile verzichten und statt dessen den jeweiligen Anfangsbuchstaben zum leichteren Aufsuchen der Wörter an die Stelle der Seitenzahl setzen und diese nach unten verbannen. Der Leser richtet sich bei seiner Suche ohnehin nicht nach Seitenzahlen, sondern nach Begriffen.

Also: Lernen kann man viel aus dem Buch. So fand ich eben noch die Prefixe: Yocto, Zepto, Atto, Femto, Tera und Exa. Wissen Sie vielleicht was das ist?? Sollten Sie es aber wissen, so haben Sie mit dem Buch zumindest die Chance, die Verständigung zwischen AA und AO auf eine gemeinsame Basis zu stellen und sich in das Denken der „Gegner“ einzufühlen. Daß dies nicht falsch ist, bewies auch Rommel, der in seinem Panzer ein Bild von Montgomery hängen hatte, um hinter dessen geheimste Pläne und Gedanken zu kommen.

Dr. med. W. D. Bockelmann, Frankfurt/M.


Wörterbuch Rezension 2 (Zweite Auflage): der Augenspiegel 12/01, S. 48 - 49

Der Nachfolger

Wörterbuch der Optometrie. Helmut Goersch, 2. überarb. und ergänzte Aufl., 412 S. mit 5380 Stichwörtern,
75 Abb., 25 Tab., engl.-dtsch. Stichwortverz., DM 68.50, Verlag Bode, Pforzheim 2001, ISBN 3-9800378-9-4

Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass die erste Auflage mit der Definition von 3.600 optometrischen Begriffen bei Enke erschien (s. Rezension in Heft 11/97), und schon liegt der völlig neu bearbeitete und erheblich umfangreichere Nachfolger vor uns. Herr Goersch kam also kaum zur Ruhe, er suchte und fand mit dem Verlag Bode einen neuen Partner in Pforzheim, wo auch das Deutsche Institut für Normung (DIN) seinen Sitz hat, das sich ebenfalls um begrifflich eindeutige Definitionen bemüht.

Sicher werden meine Leser nun nicht erwarten, dass ich dieses neue Opus „gelesen” habe. Doch auch beim bloßen Durchblättern zeigen sich deutliche Unterschiede zum Erstwerk. So ist die von mir seinerzeit bemängelte und auf jeder Seite vorhandene „hässliche graue Titelzeile” verschwunden, mit deren Hilfe dem Leser zweihundertachtundsechzig Mal von neuem mitgeteilt wurde, dass er das „Wörterbuch der Optometrie” vor sich habe. Stattdessen ziert diese Stelle jetzt – wie in Lexika üblich – das erste Stichwort der zugehörigen linken und das letzte Stichwort der rechten Seite. Die Seitenzahl hat man dafür von außen nach innen verbannt, was allerdings auch im Duden und im neuesten Pschyrembel so gehandhabt wird. Doch es tröstet der Gedanke, dass der Leser ja nach Begriffen und nicht nach Seitenzahlen sucht.

Das Druckbild der Neuauflage ist wesentlich klarer als das des Vorläufers. Erfreulich auch, dass der Wunsch nach mehr Abbildungen realisiert wurde (aus 33 wurden 75), sie machen ein solches Werk besser lesbar. Gegen deren weitere Vermehrung in einer späteren dritten Auflage wäre nichts einzuwenden.

Den schon in der ersten Auflage gelegentlich ins Englische übersetzten Fachausdrücken wurde nun ein fast 50 Seiten umfassendes englisch-deutsches Stichwortverzeichnis zur Seite gestellt, was der internationalen Verständigung sehr entgegenkommen dürfte. Das sicherlich elegantere Französisch als frühere Sprache der Diplomatie überlebt im Bereich der Optik leider nur noch mit der Abkürzung CIE = Commission Internationale de l'Eclairage. Schade, hat doch diese klangvolle romanische Sprache auch die größere Präzision.

Kommen wir nach den Äußerlichkeiten zum Inhalt. Neben der erheblichen Vermehrung von Begriffen und Synonymen wurden diese den heute gültigen Begriffsnormen angepasst und zusätzlich Begriffe aus der Biostatistik definiert wie negativer und positiver Messwert, Objektivität (o)der Sensitivität. Außer den Normangaben finden sich Hinweise auf das Internationale Wörterbuch der Lichttechnik, z.B. Leuchtdichte, Lichtart, Sättigung, mesopisches Sehen. Die im Wörterbuch enthaltenen Synonyme für einen Begriff werden bei der jeweiligen Vorzugsbenennung des Begriffs mit aufgeführt, und veraltete Benennungen werden als solche gekennzeichnet, z. B. Akkommodationsentfernung bei Einstellpunktabstand, Probierbrille bei Messbrille. Nachdem der Inhalt dieses Buches derart auf den neuesten Stand gebracht wurde, sollten die angesprochenen Interessenten nicht zögern, die erste Auflage schnellstmöglich gegen die neue einzutauschen.

Als nette Beigabe hat Herr Goersch die eigentlich leeren Seiten oder -anteile genutzt, um dem Leser interessante Literatur-Zitate aus der Wahrnehmungspsychologie oder der Geschichte der Augenoptik anzubieten, ein völlig überraschender und schöner Gedanke, zudem grafisch geschickt präsentiert.

Da, wie bereits bei der 1. Auflage, kein Ophthalmologe zu Rate gezogen wurde (oder werden konnte?), ist der Streit um Heterophorie und/oder Winkelfehlsichtigkeit auch in der Neuauflage nicht beigelegt. Fairerweise hat Herr Goersch dieses Mal darauf verwiesen, dass beide Termini durch AA und AO verschieden interpretiert werden, der eine mag also des anderen Ausdruck als Synonym seiner eigenen Definition ansehen. Man kommt sich so schon ein wenig entgegen. Nur schade, dass diese unnötigen Differenzen nicht endlich beigelegt werden können!

Aufgefallen ist dem Rezensenten, dass die in der ersten Auflage zitierte und jedem Augenarzt bekannte (?) Norm DIN 58 220 Sehschärfebestimmung Teil 1 Normsehzeichen (März 1988) und Teil 2 Anschluss von Sehzeichen (Mai 1989) in den letzten Jahren zurückgezogen und durch die Nachfolgedokumente DIN EN ISO 8596 und 8597 ersetzt wurden. Wer von uns wusste davon oder hat dieses neue Papier etwa schon einmal gesehen? Hoffentlich erfahren wir es wenigstens, wenn Teil 3 dieser Norm „Prüfung für Gutachten (Mai 1990)” vom gleichen Schicksal ereilt wird, wo wir doch ständig nach DIN 58220 untersuchen sollen und bei jedem Gutachten eine derartige Erklärung expressis verbis unterschreiben.

Eine besondere Freude bereitete mir die Tatsache, dass das ganze Buch nach den Regeln der „alten” Rechtschreibung geschrieben wurde. An genau dieser Forderung des Autors scheiterte die Kooperation mit dem Hippokrates Verlag (als Nachfolger des Enke Verlags im Bereich Optometrie). Es ist für mich, der ich regelmäßig für die FAZ in eben dieser Orthografie schreibe, stets ein großes Ärgernis, wenn auch das weit verbreitete Schreibprogramm „Word 2000” einen Autor ständig zu Dingen zu vergewaltigen versucht, die er gar nicht will*) (zum Glück fand ich den Ausweg über „Extras-Optionen-Rechtschreibung”!). Wenn diese nicht organisch gewachsene, sondern von oben verordnete Simplifizierung der deutschen Sprache Schule macht, könnten wir auch in der Musik demnächst alles nur noch in C-Dur und a-Moll schreiben und auf Kreuz, b und Auflösungszeichen getrost verzichten. „Die Menschen werden immer dümmer” meinte laut FAZ nicht nur Martin Walser kürzlich in Erfurt.

Dr. med. W. D. Bockelmann, Frankfurt.

*) Anm. d. Red.: Hü oder hott, das ist hier die Frage. Wir bekennen reuevoll, dass auch wir zu Verrätern an der guten alten Rechtschreibung geworden sind und hoffen, dass Dr. Bockelmann unserem Verlag trotzdem treu bleibt.


Wörterbuch Rezension 3 (Zweite Auflage): Neues Optikerjournal 12/2001, S. 18 - 19

Von Abbesche Dispersionsregel bis Zylinderwert

Aktualisiert und mit vielen Erweiterungen:
Das neue Wörterbuch der Optometrie von Dr. Helmut Goersch

Es gibt bekanntlich solche und solche Bücher. Die einen werden (gewöhnlich) von Anfang bis Ende chronologisch gelesen, in den anderen wird eher geblättert und quer gelesen. Zu letzteren zählen beispielsweise Atlanten, Lexika und Wörterbücher.

Aber vielleicht kennen auch Sie aus eigener Erfahrung folgendes Phänomen: Sie nehmen ein Nachschlagewerk zur Hand um nur kurz einen bestimmten Begriff zu klären, doch aus der gezielten Suche wird schnell ein interessiertes und ausgiebiges Studium zu völlig anderen Themen.

Auch wenn es sich bei dem an dieser Stelle vorgestellten Werk nicht um eine bunt bebilderte Enzyklopädie handelt, soll vorsorglich vor einer gewissen Lesesucht gewarnt werden, die optometrisch interessierte Benutzer leicht befallen könnte.

Das „Wörterbuch der Optometrie” von Dr. rer. nat. Helmut Goersch erschien 1996 in erster Auflage im damaligen Enke Verlag und schloss eine große Lücke in der deutschsprachigen Literatur zur Augenoptik/Optometrie und angrenzenden Bereichen.

Dabei erfreute sich das Buch nicht nur unter MKH-Anwendern großer Beliebtheit, auch für schulische Zwecke etablierte es sich rasch zum Standardwerk. Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus 30 Jahren Lehrtätigkeit an der damaligen Staatlichen Fachschule für Optik und Fototechnik Berlin in der Fachrichtung Augenoptik und aus ebenso langer ehrenamtlicher Tätigkeit in nationalen, europäischen und internationalen Normausschüssen war der Autor Helmut Goersch, der wie kaum ein anderer für unverwechselbare Präzision und Gründlichkeit steht, geradezu prädestiniert sich dieser großen Arbeit anzunehmen.

Bereits seit längerem war die Erstauflage vergriffen und die Fachwelt wartete geradezu auf die Neuauflage, die jetzt im Verlag Bode erschienen ist. Vorausgegangen waren wieder viele Jahre emsiger Kleinstarbeit, die wiederum zu einem Buch der Extraklasse geführt hat.

Aktuell und wegweisend

Die Aktualität des neuen Wörterbuches wurde unmittelbar bei dessen Erscheinen auf die Probe – und unter Beweis – gestellt, nämlich auf dem 14. Jahreskongress der IVBV im Juni 2001 in Lahnstein:

Am ersten Kongresstag hielt Wolfgang Cagnolati einen viel beachteten Vortrag mit dem Titel „Transatlantischer akademischer Dialog – Assoziierte Phorie und MKH am Pennsylvania College of Optometry”. Unter großer Zustimmung des Auditoriums unterbreitete er den Vorschlag, die Bezeichnung „assoziierte Phorie” künftig synonym zum Begriff „Winkelfehlsichtigkeit” zu verwenden und sich insbesondere in Fachpublikationen vorzugsweise dieses international bekannten Terminus zu bedienen.

Im Austausch mit englischsprachigen Fachleuten ist dies schon lange üblich, schließlich gibt es gar keine andere sinnvolle Übersetzungsmöglichkeit für Winkelfehlsichtigkeit als associated phoria. So hatte ich auch aus der ersten Auflage des Wörterbuches von Dr. Goersch in Erinnerung, dass zur Winkelfehlsichtigkeit eben diese englische Entsprechung angegeben war.

Um so mehr interessierte mich jetzt, ob die Neuauflage hierzu etwas anderes enthielt. So begab ich mich in der Pause ins Kongressbüro, wo gerade die Pakete des Bode Verlags ausgepackt wurden. Und noch bevor der Buchautor in Berlin ein Exemplar seines Werkes in den Händen hielt, las ich die neue und unmissverständliche Erklärung des Begriffs assoziierte Heterophorie: „Gleichbedeutend mit Winkelfehlsichtigkeit”.

Auf dem IVBV-Kongress wurde noch viel über dieses Thema diskutiert. Auch Prof. Heinz Diepes schloss sich in seinem Vortrag dem Vorschlag von Cagnolati (und/oder Goersch?) an.

Fast als Fazit ergab sich am Ende, dass man in rein fachspezifischen Zusammenhängen künftig verstärkt von assoziierter Heterophorie sprechen sollte. Gegenüber dem Klienten empfehle sich aber weiterhin der Gebrauch des anschaulichen Synonyms Winkelfehlsichtigkeit, so wie im Gespräch mit Laien zum Beispiel auch eher von grauem Star, Kurzsichtigkeit und Stabsichtigkeit die Rede ist als von Katarakt, Myopie und Astigmatismus.

Dr. Goersch hatte jedenfalls wieder einmal in weiser Voraussicht die Zeichen der Zeit erkannt und in seinem neuen Wörterbuch die Weichen für eine zeitgemäße Terminologie gestellt, der im interdisziplinären Austausch dadurch wohl auch etwas an Schärfe genommen werden dürfte.

Zahlreiche Neuerungen

Da es seit dem Erscheinen der Erstauflage wesentliche Neuerungen und Änderungen in den relevanten Begriffsnormen zu Brillengläsern, Brillenfassungen und auch zur physiologischen Optik gab, war für die zweite Auflage eine grundlegende Überarbeitung erforderlich geworden.

In gewohnt vorbildlicher Weise wurden die entsprechenden Begriffsdefinitionen aktualisiert und gleichzeitig zahlreiche zusätzliche Begriffe aufgenommen. Dies sind im wesentlichen Begriffe der Optometrie, aber auch solche der Anatomie und Ophthalmologie, grundlegende Begriffe der Physik, umgangssprachliche Bezeichnungen und häufig verwechselte allgemeine Begriffe.

„Zu den neu aufgenommenen Begriffen” erläutert der Autor darüber hinaus in seinem Vorwort „gehören auch solche aus der Biostatistik, da diese bei der Auswertung physiologisch-optischer Experimente zur visuellen Wahrnehmung in zunehmendem Maße verwendet werden.”

Über 4.000 Begriffe erklärt dieses Fachwörterbuch nunmehr, wobei im Falle von genormten Begriffen ein Hinweis auf die jeweils aktuelle Norm gegeben wird. Darüber hinaus sind mehr als 1.000 Synonyme aufgeführt, jeweils zu finden bei der Vorzugsbenennung eines Begriffs mit mehreren Benennungen. Synonyme, die nicht mehr verwendet werden sollen, sind dabei als veraltet gekennzeichnet.

Wie bereits in der ersten Auflage findet sich bei Benennungen mit unterschiedlicher Verwendung in verschiedenen Fachbereichen eine Abkürzung für den betreffenden Bereich. Unterschieden wird hierbei zwischen Allgemeiner Optik (AO), Brillenoptik (BO), Kontaktlinsenoptik (KO) und Physiologischer Optik (PO).

Auffällig gegenüber der ersten Auflage ist auch, dass zahlreiche Abbildungen, Formeln und Tabellen hinzugekommen sind.

Eine zusätzliche Bereicherung sind die Zitate am Ende eines jeden Abschnittes. Dabei handelt es sich um eine interessante Auswahl aus der Wahrnehmungspsychologie und aus der Historie der Optometrie. Wussten Sie beispielsweise was ein Prismatometer ist? Das Zitat aus dem Jahr 1914 nebst Abbildungen erklärt, auf welche Weise seinerzeit Brillengläser vermessen wurden...

Abgerundet wird das Wörterbuch durch das neue Stichwortverzeichnis Englisch – Deutsch, das im Zuge des zunehmenden internationalen Dialogs eine wertvolle Hilfe sein kann.

Übersichtliche Gliederung

Bereits das Inhaltsverzeichnis lässt erkennen, dass dieses Wörterbuch kaum Wünsche und Fragen offen lässt. Im eigentlichen Fachwörterbuch werden zunächst auf 328 Seiten 5380 Stichwörter behandelt.

Komplexe Sachverhalte wie zum Beispiel die Werte für das Gullstrand-Auge oder die Benennungen bei Brillenfassungen und Brillengläsern sind anschließend in tabellarischer Form anschaulich zusammengefasst.

Hieran schließt sich eine Übersicht zu Abkürzungen und Zeichen an, die ihrerseits in folgende Bereiche unterteilt ist: Abkürzungen für Institutionen und Verbände, Zeichen deutsch, Zeichen griechisch und weitere. Einführend wird hierzu der Unterschied zwischen Einheitenzeichen, Formelzeichen, Kurzzeichen und Vorsatzzeichen erläutert.

Ausführliche und sinnvoll gegliederte Literaturangaben findet der Leser im nächsten Kapitel: Angegeben sind zunächst 12 Einzelarbeiten, 62 Bücher sowie vier Gesetze und Verordnungen. Anschließend sind die aktuellen Normen (Stand März 2001) aufgelistet. Ein gesonderter Abschnitt führt dann Normen, die in der ersten Auflage des Wörterbuches genannt, aber inzwischen zurückgezogen wurden, mit einem Hinweis auf das jeweilige Nachfolgedokument auf.

Im letzten Kapitel schließlich findet sich auf 50 Seiten das bereits erwähnte englisch – deutsche Stichwortverzeichnis.

Norm oder Goersch?

Normen haben bekanntlich nicht die Aufgabe neue Begriffe zu prägen oder gar fachliche Diskussionen zu beeinflussen. Vielmehr sollen sie seit längerem existierende aber unterschiedlich ausgelegte Begriffe einer einheitlichen Bedeutung zuführen.

Somit ist erklärlich, dass in den einschlägigen Normen viele neuere Begriffe fehlen, die aber insbesondere in der Lehre zur Darstellung und damit zum Verständnis optometrischer Zusammenhänge unabdingbar sind.

Goersch möchte genau diese Lücke schließen, ohne freilich den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. In seinem Vorwort macht er zudem deutlich, dass seine Formulierungen meist nicht mit denen in der jeweils relevanten Norm identisch sind. In bestimmten Fällen wird aber die Formulierung aus der Norm zusätzlich angegeben.

Begriffe wie zum Beispiel Nullblickrichtung und Nulldurchblickpunkt, die in der Neufassung der DIN 58208 vom Oktober 2000 „vergessen” wurden, finden sich bei Goersch ebenso wie alle aktuellen Benennungen zu den Themen Winkelfehlsichtigkeit und Fixationsdisparation. Auch hierzu finden sich im neuen Wörterbuch zahlreiche Ergänzungen und Präzisierungen wie zum Beispiel „FD-Auge” und „FD-Stellung”. So findet man zum Begriff Fixationsdisparation jetzt folgenden Hinweis: „Die bei Fixationsdisparation vorhandene Fehlstellung (FD-Stellung) ist keine Schielstellung.”

Die DIN EN ISO 13666 ist seit ihrem Erscheinen in Fachkreisen aufgrund vielfältiger Ungereimtheiten ein Ärgernis. Dr. Helmut Goersch schreibt dies den Verantwortlichen in seinem Vorwort ins Stammbuch:
„Im Bereich der Brillenoptik sind nicht alle Zeichen aus der neuen DIN EN ISO 13666 übernommen worden, da sich die dort in den Bildern verwendeten Zeichen teilweise gegenseitig widersprechen und außerdem einige im Widerspruch zu denjenigen in anderen internationalen Normen stehen.”

Und mit auch anderem, umgangssprachlichem Unsinn räumt Goersch auf. Beispielsweise findet man unter „Fassungs-PD” folgende Erklärung: „Unsachgemäße Bezeichnung für den Scheibenmittenabstand, die nicht verwendet werden sollte.”

Fazit

Wie bereits die erste Auflage wird auch diese überarbeite und ergänzte Ausgabe des Goerschschen Wörterbuches maßgeblich dazu beitragen, einen klaren und einheitlichen Sprachgebrauch in der deutschen Optometrie zu fördern.

Das Wörterbuch der Optometrie geht mit vielen interessanten Informationen deutlich über eine Ansammlung reiner Begriffsdefinitionen hinaus. Obwohl es sich nach eigenem Selbstverständnis (und trotz des Autors)
nicht um ein Fachbuch zum Binokularsehen handelt, kann es aufgrund seiner vielfältigen Erklärungen gerade für die am Binokularsehen interessierten Augenglasbestimmer eine wertvolle Hilfe darstellen.

Georg Stollenwerk